Wallfahrt zum heiligen Tiberius in Obermarchtal

Jedes Jahr am 10. November, am Namenstag des Heiligen Tiberius, füllt sich das Münster in Obermarchtal mit vielen Gläubigen von nah und fern zum Fest- und Wallfahrtsgottesdienst. 

Der Heilige Tiberius, so ist es überliefert, hat sich als Jugendlicher zum Christentum bekannt und in der Zeit der Christenverfolgungen viele Martyrien erlitten. Sein Haupt kam im Jahre 1626 als Reliquie in die Barockkirche des ehemaligen Prämonstratenserstifts. Seit damals wird über Jahrhunderte alljährlich zur Verehrung des Märtyrers eine Wallfahrt für den Hauspatron gefeiert.

Mit der Auflösung des Klosters im Rahmen der Säkularisation fiel der wertvolle Brauch in den Dornröschenschlaf, bis der Allmendinger Mediziner Dr. Hermann Blankenhorn die Wallfahrt im Jahre 2010 wieder zum Leben erweckt hat.

Eingeläutet wird der Tiberiuswallfahrtsgottesdienst durch die zwölf historischen Kirchenglocken, eines der berühmtesten Glockengeläute Süddeutschlands. Eine davon ist dem Heiligen Tiberius geweiht. Diese kleine Glocke war zu früheren Zeiten vor allem bei Gewitter und anderen Unwettern geläutet worden.

So werden nun jährlich zum Tiberiusfest bedeutende Prediger eingeladen, die dem Wallfahrtsgottesdienst auch vorstehen.

Die bisherigen Festprediger waren:

2012 – Prälat Franz Glaser, Untermarchtal
2013 – Pater Gilbert Kraus, Prämonstratenserkloster Roggenburg
2014 – Generalabt Thomas Handgrätinger, Generalabt des Prämonstratenserordens, Rom
2015 – Bischof Dr. Gebhard Fürst, Diözese Rottenburg-Stuttgart
2016 – Kardinal Walter Kasper, Rom
2017 – Weihbischof Johannes Kreidler, Rottenburg
2018 – Abtprimas emeritus Dr. Notker Wolf, St. Ottilien
2019 – Erzabt Dr. Korbinian Birnbacher OSB, Salzburg
2020 – Pfarrer Gianfranco Loi, Obermarchtal
2021 – Abt Hermann-Josef Kugler OPraem, Kloster Windberg
2022 – Pater Anselm Grün OSB, Abtei Münsterschwarzach
2023 – Abt Lukas Dikany OPraem, Stift Schlägl
2024 – Abt Johannes Schaber OSB, Benediktinerabtei Ottobeuren
2025 – Frau Prof. Annette Schavan, Ulm (ehemalige Bundesbildungsministerin und ehemalige deutsche Botschafterin beim Heiligen Stuhl)
 

In der Vita des Heiligen Tiberius wird deutlich, dass er als junger Christ den Anfeindungen einer christenfeindlichen Welt standgehalten hat und dafür sogar in den Märtyrertod gegangen ist.

Gerade,das Einstehen für den christlichen Glauben und für die Kirche in ihrem Leben machten diese Preisträger würdig:

2014 – Vanessa Fuchs (Obermarchtal) und Anna Gröber (Munderkingen), die im Rahmen des Angebots Missionarin auf Zeit in Tansania waren.

2015 – Dr. Esther Saup und Judith Seitzler, Bettina und Herbert Schleicher für die jahrelange Organisation der Sternsingeraktion in Obermarchtal und Rechtenstein.

2016 – jugendliche Organisten, die schon in jungen Jahren kirchenmusikalisch Gottesdienste mitgestalten: Madeline Eppensteiner (Dürmentingen-Hailtingen), Theresa Hinz (Dietelhofen), Linda Maier (Unlingen), Henry Frömmichen (Allmendingen), Leone und Christine Wiker (Emeringen), Michael Schwendele (Obermarchtal-Datthausen), Stephanie Schenk (Oberdischingen), Juliane Widder (Dürnau), Caroline Schmid (Daugendorf), Markus Walla (Untermarchtal), Anna Wesinger (Rechtenstein), Carmen Kraft (Unlingen) und als Ehren-Tiberiuspreisträgerin die betagte Organistin Irmgard Kley aus Dürrenstetten.

2017 – Oberministranten aus den SE Marchtal, Ehingen, Munderkingen, Zwiefalten, Uttenweiler/Bussen und Schelklingen, sowie Barbara Tress, Elke Beck und Florian Siegle für die Gründung und langjährige musikalische Leitung der Godi-Gruppe in Obermarchtal.

2018 – die Vinzentinerinnen von Untermarchtal für ihren Jugendtag, den sie seit 1981 veranstalten, sowie Frau Corina Flach und Frau Bayrl-Mittl für die Verantwortung der Erstkommunionvorbereitung und Weitergabe des Glaubens an junge Menschen in der SE Marchtal für viele Jahre.

2019 –  drei kirchlich organisierte Zeltlager: das Zeltlager Lauterach, das Zeltlager Muntlix aus Munderkingen und das BDKJ-Zeltlager in Rammetshofen, sowie den Ehrenpreis an Frau Maria Halder und Herr Gerhard Vollmayer für das Engagement seit der Gründung des Zeltlagers Lauterach

2020 – die Jugend 2000 in der Diözese Rottenburg-Stuttgart, sowie den Ehrenpreis an Frau Brunhilde Barth und Frau Kirstin Mark für die jahrelange musikalische Begleitung bei den Schülergottesdiensten in Obermarchtal und Untermarchtal

2021 – die Franziskanerinnen von Sießen für ihre Kinder- und Jugendfranziskusfeste, sowie den Ehrenpreis an Frau Edith Maier und Frau Sandra König für ihr Engagement für Ministranten und Erstkommunionkinder in unserer SE Marchtal

2022 – die Krippenspielverantwortlichen in der SE Marchtal, sowie den Ehrenpreis an Sr. Brigitte Schleid aus dem Kloster Untermarchtal für die jahrelange Vorbereitung der Firmvorbereitung in der SE Marchtal

2023 – Thomas Schwendele (19) aus Datthausen für sein 10-jähriges Engagement als Ministrant in Obermarchtal, Emeringen und Datthausen, sein Engagement in der Leiterrunde der Ministranten und in der Ausbildung neuer Ministranten sowie für seinen Organistendienst in der gesamten Seelsorgeeinheit Marchtal und weit darüber hinaus

2024 – Ida Keirath (18) und Victoria Fuchs (20) für Ihr Engagement in der Leiterrunde der Ministranten, der Schönstatt-Jugend und im Dienst der Nächstenliebe, sowie den Ehrenpreis an Herrn Hermann Branz für sein Engagement im Tiberiuskomitee, für den Orgelbauverein und für seine Kirchen- und Klosterführungen in Obermarchtal

2025 – die Godi-Gruppe in der SE Marchtal für die Gestaltung der Familiengottesdienste in der Seelsorgeeinheit, beim Weihnachtssingen sowie anderen gottesdienstlichen Formen und des Kinderkreuzwegs am Karfreitag

Nach dem feierlichen Wallfahrtsgottesdienst erhalten alle Pilger den Einzelsegen durch Auflegung der Tiberiusreliquie mit den Worten:

"Per merita et intercessionem Sancti Tiberii Martyris concedat tibi Dominus salutem et pacem. Amen"

"Durch die Verdienste und Fürbitte des heiligen Märtyrers Tiberius verleihe dir der Herr Heil und Frieden. Amen"

Im Anschluss an den Wallfahrtsgottesdienst können dann Wallfahrtsmedaillen und Springerle mit der Ansicht der ehemaligen Klosterkirche, des Heiligen Tiberius sowie des Tiberiuskissens erworben werden. Während des Gottesdienstes wird das Tiberiuswasser geweiht, das die Gläubigen mit nach Hause nehmen können.

 

Zitate aus den Festpredigten:

Bischof Dr. Gebhard Fürst: "Dass junge Menschen den Glauben leben, ist unser aller Anliegen, denn ohne Jugend hat unsere Kirche keine Zukunft." Neueste Umfragen stellen der Jugend ein gutes Zeugnis aus. Sie sei politisch interessiert und sozial engagiert und dieses Sich-Einbringen sollte auch der Kirche gelten, wünschte der Bischof. (Doris Moser, 2015 Südwest Presse Ehingen)

"Was blieb übrig vom Geist des Tiberius?", fragte er (Kardinal Walter Kasper). Reliquien seien als Zeichen zu verstehen, die die Realität bezeichnen. So sei die Reliquie des Tiberius ein Zeichen, dass ihr Geist weiter wehe. Man müsse als Christ tapfer sein, eine Lippe riskieren und nachdenken, forderte der Prediger. (Christina Kirsch, 2016 Südwest Presse Ehingen)

Weihbischof Kreidler in seiner Predigt 2017: "Mir hilft Paulus' Glauben und seine Zuversicht und seine uneingeschränkte Liebe von Gott. Nur mit diesem Blickwinkel lässt sich das Unbarmherzige und Herzlose aushalten.Wenn Christen ihren Glauben noch leben und für ihn eintreten, wie auch Tiberius durch seine Glaubenskraft Licht in die Welt gebracht hat, dann schlägt in dieser Welt doch noch ein Herz."

Abtprimas emeritus Dr. Notker Wolf OSB sagte in seiner Predigt 2018:  „Durch so ein Fest erfahren wir, dass wir zur Freude geboren sind. Unser Herz möge angesprochen sein vom Glauben des Heiligen Tiberius und seiner Barmherzigkeit. Es ist etwas Wunderbares so einen kleinen bescheidenen Heiligen zu feiern. Seine Botschaft für uns ist, dass er von Christus so überzeugt war, dass er jederzeit sein Leben für ihn hingeben wollte. Daher sind junge Menschen auch heute sehr wohl von Christus zu begeistern. Denn die Hingabe an Jesus Christus macht frei und glücklich. Gott will, dass wir frohe Menschen sind, Geborgenheit bei ihm finden. Jesus’ Botschaft war immer: "Fürchtet euch nicht!" Vermitteln Sie als Eltern den Kindern die Geborgenheit bei Gott."

Erzabt Dr. Korbinian Birnbacher OSB aus Salzburg sagte in seiner Predigt 2019: "Tiberius steht für die berühmten drei "B-s", die nicht nur junge, sondern alle Menschen beherzigen sollten: Bewegen - Beheben - Beleben. Mögen wir erstens gestärkt und ermutigt durch das Beispiel des heiligen Tiberius etwas bewegen, etwas anstossen und beginnen. Denn wenn wir nichts beginnen, werden wir nichts bewegen können. Mögen wir zweitens gestärkt und ermutigt durch das Beispiel des heiligen Tiberius etwas behben, d.h. etwas verändern, um das, was wir falsch gemacht haben, auch wieder ins rechte Lot zu bringen. Beheben wir vor allem die großen Fehler, die wir hinsichtlich der Umweltverschmutzung und des Klimawandels zu verantworten haben. Wir brauchen es nur zu tun, dann können wir den Schaden beheben. Mögen wir drittens gestärkt und ermutigt durch das Beispiel des heiligen Tiberius aber auch etwas beleben, etwas mit Dymanik und Energie zum Blühen bringen und dabei auch das Gefühl haben, dass hier etwas aufbricht und sich die Lebensqualität nachhaltig vermehrt. DIese ständige Herausforderung des Bewegens, Behebens und Belebens bleibe auf die Fürsprache des heiligen TIberius nicht nur ein Erbe aus vergangenen Zeiten, sondern auch ein Auftrag für die Zukunft."

Pfarrer Gianfranco Loi sprach in seiner Predigt 2020 über den Heiligen Tiberius und bat die Gläubigen, Zeugen der Hoffnung zu sein. So sagte er unter anderem: "So wie der Heilige Tiberius in schwerer Zeit der Christenverfolgungen den Menschen Hoffnung geschenkt hat, so sollen auch wir, gerade in diesen Coronazeiten, Zeugen der Hoffnung sein." Ferner sagte er in seiner Predigt: "Ja, die Situation derzeit ist neu für uns alle. Wer hätte mal gedacht, dass wir Kontaktbeschränkungen und Lockdowns haben werden? Ja, der Virus ist auch neu für die Ärzte und die Wissenschaft. Wer hätte in den letzten 50 Jahren je daran gedacht, dass die Medizin mal an ihre Grenzen kommt? Alles ist neu und wir wissen oft nicht, wie wir damit umgehen sollen. Und hier möchte ich auf den Heiligen Tiberius blicken, der sich auch auf Neues eingelassen hat. Ein junger Mann, der sich für diesen neuen Weg des Christentums eingesetzt hat: trotz Folter, trotz Verfolgung durch die Römer, trotz dessen, dass sein Vater Heleus gegen seinen christlichen Weg war. Die Kirche war ja gerade mal 200 Jahre jung und das Christentum war etwas Neues und wurde von den zur Zeit des Tiberius lebenden Kaisern Valerian und Diokletian verfolgt. Was hat diesen Tiberius dazu gebracht? Was hat ihn geprägt? Familiäre Prägung war es nicht, denn sein Vater selbst zeigte ihn beim Kaiser an, dass er Christ war. Geprägt und beeinflusst haben ihn sicher die Worte der Heiligen Schrift. Ihn hat die Liebe zu Gott und zum Nächsten getragen und sicher auch die Tatsache, wie die Christen diese Liebe zu Gott und zum Nächsten damals überzeugend gelebt haben. Denn gerade in der Zeit der Verfolgung und vieler Unsicherheiten haben die ersten Christen zusammengehalten, einander geholfen, sich gestützt und getragen. Sie waren ein Herz und eine Seele. Vieles ist für uns derzeit ebenfalls neu und gerade in diesen Zeiten der Pandemie ist die Liebe zu Gott und zu den Menschen genauso wichtig, oder ich würde sogar sagen, wichtiger denn je. Die Liebe zu Gott gibt uns Halt in diesen schweren Zeiten. Und ich kann von mir selbst sagen, wie wichtig mir im Frühjahr mein Glaube war, der mir Halt gab in einer Zeit, in der sich die Meldungen überschlagen haben und keiner wusste, wie es wirklich weiter geht. Und die Liebe zum Nächsten ist uns ebenfalls als Christen aufgetragen. Wir sind der verlängerte Arm Gottes in der Welt, um den Menschen seine Liebe sichtbar zu machen. [...] Lassen wir unsere Hoffnung stärken mit solchen Gottesdiensten wie heute, aber tragen wir als Zeichen der Nächstenliebe auch diese Hoffnung zu den Menschen, in den es gerade ganz dunkel ist. [...] Gott ist bei uns. Davon war der Heilige Tiberius überzeugt und diese Botschaft und diese Hoffnung, dass wir in allem nicht alleine sein, müssen wir gerade in diesen Pandemiezeiten in Wort und Tat in die Welt tragen."

Abt Hermann-Josef Kugler OPraem ging in seiner Predigt 2021, ausgehend vom Leben des Heiligen Tiberius und mit Rückbezug auf seinen eigenen Ordensgründer Norbert, auf 3 Aufträge ein, die bis heute noch gelten. Der erste Auftrag ist: Gemeinschaft aufbauen! Er rief die Gemeinde auf: „Seid Frauen und Männer, Kinder und Jugendliche, die in ihren Pfarrgemeinden Gemeinschaft stiften und aufbauen!“ Der zweite Auftrag lautet: Seid betende Gemeinden und Gemeinschaften! Und der dritte Auftrag lautet: „Ihr seid gesandt“. Denn wir sind gesendet, den Menschen zum Wohl der Kirche und der Welt zu dienen. Alle Christen sind aufgrund von Taufe und Firmung berufen und gesendet, den Menschen in ihrem Umfeld zu dienen, da, wo sie leben – auf ganz vielfältige Weise. In seinem Schlussplädoyer in der Predigt rief Abt Hermann-Josef auf: „Wenn es Euch als Christinnen und Christen und uns als Orden gelingt, Gemeinschaft unter den Menschen aufzubauen, im Gebet mit Gott verwurzelt zu bleiben und daraus Kraft für unser Leben zu schöpfen, und mit Herz und Hand für die Menschen um uns da zu sein, dann sind wir wirklich kein „Museum“, das nostalgisch verklärt an den hl. Tiberius erinnert, sondern eine „lebendige Quelle“ für die Kirche von heute. Dazu helfe uns der hl. Tiberius!“

Pater Anselm Grün OSB sprach in seiner Predigt 2022 über die Sehnsüchte der Menschen. Er machte dabei fünf Kernsehnsüchte aus.
"Die Frage: Wer bin ich?, macht die Sehnsucht nach der Erkenntnis der eigenen Identität aus. Das Gefühl der Menschen, besser dastehen zu müssen als andere, macht sie unfrei. Jesus aber sagt, sei du selbst. Das ist die Botschaft Gottes, die uns befreit von Rollen, die wir meinen, spielen zu müssen. Dann gibt es die Sehnsucht nach Freiheit. Auch wenn wir äußerlich frei sind, schränkt uns die Frage, was andere Leute von uns denken, erheblich ein, was uns erschöpft macht und offensichtlich der Botschaft Gottes widerspricht. Sodann folgt die Sehnsucht nach Vertrauen. Die Ursache hierfür ist oft fehlendes Selbstwertgefühl, aber jeder sollte sich bewusst sein:„Ich bin wertvoll, wie ich bin, ich bin einmalig“. Das gibt er Jugendlichen und jungen Erwachsenen in der Jugendarbeit in Münsterschwarzach jeweils mit auf den Weg, insbesondere anlässlich der gemeinsamen Silvesterfeiern in der Abtei. Die Sehnsucht nach Sinn im Leben drückt sich darin aus, dass wir genügend haben, wovon wir leben, aber nicht genügend, wofür wir leben. Und schließlich gibt es die Sehnsucht nach Glück. Glück kann man definieren mit Gelingen des Lebens. Das hängt aber entscheidend davon ab, ob jemand in Einklang kommen kann mit sich selbst. Der Glaube sagt, dass ich bedingungslos angenommen bin. Und hier können wir auf den Heiligen Tiberius blicken, der in jungen Jahren das Leben gelebt hat und daher loslassen konnte. Tiberius hat keine Angst vor dem Tod gehabt, da der Glaube ihn zum wahren Leben führte. Der Tod kann uns nur verwandeln. Angst vor dem Sterben hat, wer noch nie gelebt hat. “

Abt Lukas Dikany OPraem ging in seiner Predigt 2023 auf die Zeit des Hl. Tiberius ein, in der Verfolgung, Willkür, Anfeindungen und Ungerechtigkeit geherrscht haben. Die Vernebelung, die uns Menschen umgibt, verhindere auch heute noch vielfach den Blick zum Wesentlichen. „Wallfahrt bedeutet, dass wir das Herz aufmachen und es für Christus öffnen“, schickte der Zelebrant vorneweg. Die Nebelsuppe aus der Zeit des Hl. Tiberius (286-305) sei auch innerhalb der Kirche bis heute nicht vollständig beseitigt, wie viele Missbrauchsfälle zeigten. „Tiberius wusste, wofür er eintrat, er war ein Mann mit gutem Blick“, charakterisierte der Abt den Hl. Tiberius, dessen Haupt im Jahr 1626 in das damalige Prämonstratenser-Kloster gelangt ist, von der Obermarchtaler Bevölkerung verehrt und bei vielerlei Sorgen und Nöten aufgesucht, um Schutz und Hilfe durch die Fürbitte des Hl. Tiberius zu erhalten. Abt Dikany sagte, „der erste Blick richtet sich auf das persönliche Glaubenszeugnis, der zweite Blick ist der der lebbaren Solidarität und der dritte Blick ist das Schauen und Hören auf Christus“. Insoweit ging er auf das Leid und Elend in der Krankenseelsorge ein, in der neben seiner Tätigkeit als Abt mitarbeitet: „Ich staune, wie die Leute sich in die Hände Gottes geben und wissen, dass sie dort geborgen sind“. Eine neuere Darstellung zeige, wie der Hl. Tiberius einen Menschen trägt, selbst wenn dieser ihm eine Last ist. „Der gute Hirte ist mit der Hingabe des Herzens da. Wo wir Herz zeigen, bekommen wir eine Ausstrahlung“. Dabei mahnte der Abt, „wir dürfen nicht an der Zeit vorbeileben. Die Menschen brauchen heute Zuwendung, Zärtlichkeit und Zeit“. Auch ohne die vielen Millionen Menschen ausdrücklich zu erwähnen, die weltweit auf der Flucht sind, galt auch ihnen der Satz, „wir gehören zusammen und wenden uns nicht ab“. Ohne Zeit würden Beziehungen oberflächlicher, das Leben werde angefüllter, aber nicht reicher. Abt Dikany betonte, wer nur auf sich selbst schaut, leuchtet nicht“. Er bat die Menschen, sich füreinander in Solidarität einzusetzen.

Abt Johannes Schaber OSB aus Ottobeuren beschrieb in seiner Predigt 2024 das Leben des Märtyrers, der sich trotz Verfolgung dem Christentum anschloss und für den Glauben sein Leben ließ. Dafür brauchte er Mut, Überzeugung und Liebe. Für Schaber Eigenschaften der „menschlichen Grundhaltung“, die auch heute noch dringend benötigt werden. „Wir brauchen Menschen, die zu ihren Überzeugungen stehen und Nachteile in Kauf nehmen. Von Tiberius können wir lernen, eine geradlinige Haltung einzunehmen und die entsprechenden Konsequenzen dafür zu tragen“. Der Bedeutungsverlust des Glaubens, insbesondere des Christentums, sei überall spürbar. „Menschen ist es schlichtweg egal, ob es Gott gibt, es interessiert sie nicht. Wir erleben eine Gleichgültigkeit, einen Indifferentismus“. Kirchengemeinden werden kleiner, weil Gläubige ihnen den Rücken zukehren, die Wege bis zur Kirche werden länger. „Alles verändert sich. Es liegt aber an den Menschen selbst, sich auf Veränderungen einzulassen und von Tiberius zu lernen, wie man mit Mut und Entschlossenheit trotzdem seinen Glauben leben kann“. Es komme darauf an, Werte zu leben und sie zu vertreten. Denn gelebte Solidarität im Alltag habe ihre Bedeutung nicht verloren. Dies zeigen die diesjährigen Träger des Tiberiuspreises.

Frau Prof. Annette Schavan aus Ulm betonte in ihrer Predigt zum Fest des Hl. ​ Tiberius im Jahr 2025 die zentrale Botschaft des Christentums: die unantastbare Würde jedes Menschen, unabhängig von Herkunft oder Lebenssituation. ​Sie erinnerte an die Bedeutung der Barmherzigkeit, Freiheit und tätigen Liebe, insbesondere gegenüber Fremden und Bedürftigen. Angesichts weltweiter Herausforderungen wie Verfolgung, Menschenhandel und Hass rief sie dazu auf, klare Worte und Taten gegen Menschenunfreundlichkeit und Radikalisierung zu setzen. Die Erinnerung an Märtyrer wie den Hl. ​Tiberius soll Mut machen, sich aktiv für eine gerechtere und menschlichere Welt einzusetzen.

Weitere Informationen zur Tiberiuswallfahrt finden Sie in folgender Publikation:

Hermann Blankenhorn - Der Heilige Tiberius von Obermarchtal - Seine Verehrung in Gebet und Wallfahrt, erschienen 2011, inzwischen erhältlich in der 2. Auflage von 2016. 

Diese Publikation kann erworben werden über das Pfarrbüro Obermarchtal oder über den Schriftenstand im Münster Obermarchtal.