Das Münster St. Petrus und Paulus in Obermarchtal

Bereits 746 tritt Marchtal aus dem Dunkel der quellenlosen Zeit heraus. Ein dem Kloster St. Gallen zugehöriges Heiligtum wird 776 erwähnt. Danach wurde 993 ein Kanonikerstift errichtet. 1171 kamen 12 Chorherren aus Mönchsrot (Rot an der Rot) an die Donau und gründeten das Prämonstratenser-Kloster Marchthal. „Ende des 17. und im 18. Jahrhundert haben sich Fürsten und Äbte verschworen, die Donau zum Strom des Barocks zu erheben. Eine Schar von Baumeistern, Architekten, Bildhauern und Stuckatoren bildeten der Donau entlang so etwas wie den grandiosesten Verschönerungsverein der Welt, und zugleich errichteten die Mönche ihre Empfangssäle für Gott (Gebhard Spahr).“ Der Anfang hierfür liegt in Obermarchtal. Hoch über der Donau gelegen und weithin sichtbar beherrscht und prägt die doppeltürmige Stiftskirche die Landschaft. Sie ist der zentrale Teil einer der großartigsten, vollendetsten und bis heute bestens erhaltenen Klosteranlagen. Bereits 1500 zum Reichsstift erhoben, erbauten die Prämonstratenser ab 1686 den Neubau und begannen mit der Stiftskirche. Damit erhielt Oberschwaben seine frühest entstandene Barockkirche. Knapp 100 Jahre dauerte es bis zum Abschluss der Baumaßnahmen mit dem Einbau der Hauptorgel von J.N. Holzhay. Obermarchtal „gewann durch die symmetrische Gestalt den Rang vor allen Tempeln in Schwaben“, schrieb der damals dem Konvent angehörende Pater Sebastian Sailer.

Bedeutend ist die 2001 in den Rang eines Münsters erhobene Stiftskirche. Sie gilt als „eines der besten Beispiele des deutschen Frühbarock, reinster Typ des Vorarlberger Münsterschemas", „ein Meisterwerk der Ausgewogenheit". Planung und Ausführung stammen von den Vorarlbergern Michael und Christian Thumb sowie Franz Beer. Die Kirchweihe fand am 11. September 1701 statt. Der freskenlose, durch Wessobrunner Stuckatoren überaus reich ausgeschmückte Kirchenbau bildet in der Vielfalt der Einzelformen eine großartige Einheit, streng, ernst, feierlich und heiter zugleich. Dieser Raum hat nur eine „Farbe", das Licht. Das vornehme Weiß wird zum Träger des Lichtes. Die vielen Schattierungen und wechselnden Lichtbrechungen erzeugen eine faszinierende Lebendigkeit, die sich bei jedem Besuch anders präsentieren wird. Herausragende Kunstwerke sind neben dem monumentalen Hochaltar das Chorgitter, der Rosenkranz- und der Sakramentsaltar, der Tiberiusaltar sowie die Hauptorgel. Bis 1702 war der erste große Bauabschnitt abgeschlossen: Stiftskirche, Westtrakt und ein Teil des Nordtrakts. Zwischen 1737 bis 1744 wurde von den Gebrüdern Schneider aus Baach bei Zwiefalten die zweite Hälfte des Nordtrakts und der ganze Südtrakt erstellt. Ab 1746 vollendete Baumeister Johann Caspar Bagnato mit dem Osttrakt (Pavillon, Refektorium, Bibliothek) die Klosteranlage weitgehend. 1751 bis 1753 erfolgte die Ausstattung des Refektoriums durch den Stuckator Francesco Pozzi. Der Innenausbau kam 1769 zum Abschluss. In einem Teil dieser Gebäude übernachtete vom 1. zum 2. Mai 1770 die österreichische Erzherzogin Marie Antoinette auf ihrer Brautfahrt von Wien nach Paris. Im Museum Marchtal vor dem Torborgen der Klosteranlage werden zwei Messgewänder aus dem Stoff des Brautmantels der späteren Königin von Frankreich gezeigt. 1802 endet die Geschichte des Prämonstratenserstifts. Infolge der Säkularisation fiel die gesamte Anlage an den Fürsten von Thurn und Taxis (Regensburg). 1973 kaufte die Diözese Rottenburg-Stuttgart die gesamte Anlage und baute sie zu einer Akademie für Lehrerfortbildung der „Katholischen Freien Schulen“ und zum Bildungshaus aus. Im Hauptgebäude befinden sich außerdem die von den Salesianerinnen (Kloster der Heimsuchung Mariä 1919 - 1998) gegründete Franz-von-Sales-Realschule sowie ein Studienkolleg.

Wallfahrt zum heiligen Tiberius

Seit 1626 ist das Haupt des hl. Tiberius als Reliquie in Marchtal. Es stammt aus den Katakomben in Rom und wurde von den „herzugewallten Einwohnern Marchthals und der benachbarten Orte als Kopf eines künftigen Beschirmers begrüßt“. In der neuen Stiftskirche wurde eigens ein Altar errichtet und dem hl. Tiberius, dem „Tutelaris“ (Beschirmer), geweiht. Schon bald setzten „wunderbare Begebenheiten“ ein, die auf die Fürsprache des hl. Tiberius zurückgeführt wurden. Pater Sebastian Sailer ermahnte die Jugend mit folgenden Versen: „Tiberius von Jugend auf rein allzeit ist gewesen. Darum von Gott zu sich hinauf er wurde auserlesen. Folgt seinem Beispiel junge Leut. Tut Sünd’ und Laster fliehen um fromm zu sterben, allezeit, ihr sollet euch bemühen“. Bis heute ist die Wallfahrt und die damit verbundene Verehrung des hl. Tiberius in Form der Auflegung des Kissens mit den Reliquien des Heiligen lebendig geblieben. Der Gottesdienst mit Tiberiussegen findet am 10. November statt. Weitere Informationen zur Tiberiuswallfahrt erhalten Sie hier.

Das Patrozinium des Münsters ist am 29. Juni, dem Fest Peter und Paul. Der Festgottesdienst zum Patrozinium wird auf den Sonntag vor oder nach dem Fest gelegt.