Die Dorfkirche St. Urban Obermarchtal

Der bauliche Ursprung dieser Kirche reicht ins 10. Jh. zurück. Sie wurde am 11. Februar 998 geweiht und als Marienpfarrkirche für die außerhalb der Klostermauern lebenden Pfarrangehörigen errichtet. Die Südwand mit ihren romanischen Fensternischen verweist auf diese frühe Zeit. Unter Abt Jodokus Blank wurde die Kirche zwischen 1461 bis 1482 umgebaut und dem hl. Urban geweiht. Abt Simon Götz (1482-1514) ließ den Chor spätgotisch ausmalen. Darauf weist sein Wappen bei den 1971 freigelegten Malereien hin, deren Reste beim Sakramentshaus zu sehen sind. 1730-1740 wurde das Langhaus barockisiert. Die flache Decke zieren, von Stuck umrahmt, Darstellungen verschiedener Prämonstratenserheiligen und -seligen. Das Mittelbild Mariä Aufnahme in den Himmel wurde nach einem Fresko von Johann Joseph Wegscheider (um 1754) in der St. Georgskapelle Dietershausen von Walter Maschke 1971 gemalt. An den Wänden des Langhauses befinden sich mehrere Grabmale aus Sandstein derer von Stain zu Rechtenstein. Qualitätvoll ist der Kreuzweg aus dem 18. Jahrhundert. Den gotisch belassenen Chor ziert eine schöne Kreuzigungsgruppe um 1500 mit Stifterwappen des Abtes Simon Götz. Am 1. April 1803 wurde die Klosterkirche auf Grund des Reichsdeputationshauptschlusses gesperrt. In der Chronik steht: „Das Allerheiligste wurde ohne Klang und Sang, still, in aller Trauer, aber unter viel Thränen in das Pfarrkirchlein geflüchtet“. Auf Bitten der Gläubigen durfte zum 15. Januar 1804 die ehemalige Klosterkirche wieder benutzt werden und wurde so zur neuen Pfarrkirche.

Nach Auflösung des Klosters durch die Säkularisation verkaufte der neue Eigentümer, das Fürstliche Haus und Thurn und Taxis, das Mobiliar und erwog St. Urban abzubrechen. Dazu kam es jedoch nicht: Thurn und Taxis überließ die Kirche der Gemeinde und sie wurde nicht - wie etwa in Zwiefalten - profaniert, sondern instand gesetzt. So ist sie heute eine der wenigen überlieferten Pfarrkirchen in einem Klosterort. Sie dient als Friedhofskapelle und der Kirchengemeinde als Werktagskirche.

Die Dorfkirche St. Urban ist eine Saalkirche mit rechteckigem, flach gedecktem Schiff und Westturm. Das Langhausdach ist über dem Chor abgewalmt, der verputzte Baukörper wird durch Rundbogenfesten belichtet. Der Turm mit seinen quadratischen Untergeschossen besitzt einen zierlichen, barocken Aufsatz, der nach dem Vorbild der Klosterkirchtürme gestaltet ist. Durch sein kreuzgratgewölbtes Erdgeschoss betritt man den Kirchenraum, der vor allem von den modernen Ausstattungsstücken des Künstlers Josef Henger aus Ravensburg geprägt wird. Ein Spitzbogen vermittelt zwischen Schiff und dem polygonal geschlossenen Chor mit seinem Sterngewölbe.

Die bedeutendste Ausstattung der Kirche war sicher ihr spätgotischer Freskenzyklus, dessen erhaltene Teile in Chor und Langhaus zu sehen sind und die einen lebendigen Eindruck der mittelalterlichen Ausstattung wiedergeben. Sie wurden bereits im 19. Jahrhundert entdeckt, jedoch wieder überputzt und erst 1970/71 freigelegt. Zu erkennen sind im Chor das Wappen des Stifts sowie das Wappen des Abts SImon Götz, der an der nördlichen Chorwand selbst als Stifter abgebildet ist. Darüber finden sich Melchisedech und Abraham, Moses mit der ehernen Schlange, das Letzte Abendmahl, sowie Mariä Verkündigung. Im Gewölbe tragen zwei Engel Leidenswerkzeuge Christi. Dies alles war Bestandteil eines umfangreichen ikonographischen Programms, das mit Szenen aus dem Alten und Neuen Testament zur Belehrung und Ermahnung der Gläubigen beitrug. Hierzu passen auch die symbolträchtigen, spätgotischen Zwickelblumen im Gewölbe, wie sie für die Entstehungszeit charakteristisch sind. Die barocke Kreuzigungsgruppe hinter dem Altar, die heute den Chorraum beherrscht, stand früher am Weg nach Untermarchtal. Die Stuckreste im Langhaus wurden bei einer der letzten Renovierungen ergänzt und mit einem Deckenfresko von Walter Maschke mit dem Thema Aufnahme Mariens in den Himmel nach einem Fresko von Joseph Wegscheider (1754) versehen.

Zu St. Urban gehörte von Anfang an auch der die Kirche umgebende Friedhof, eingeschlossen von einer hohen, verputzten Mauer. Hier wurden etwa 1000 Jahre lang die Verstorbenen des Dorfes beerdigt. Einige alte Grabsteine haben sich erhalten, zum Teil eingelassen in die Friedhofsmauer, andere befinden sich heute aus Witterungsgründen im Gotteshaus an den Langhauswänden. Das hoch aufragende, gusseiserne Friedhofskreuz auf einem Sockel aus Sandstein ist dort datiert 1847. Es handelt sich also um ein ausgesprochen frühes Beispiel für diese Gattung. Schmuckstück des Gottesackers ist die kleine Kapelle im Südosten, einstmals wohl eine Gruftkapelle des 18. Jahrhunderts, die nach dem Ersten Weltkrieg zur Kriegergedächtnisstätte umgewandelt wurde: ein verputzter Massivbau mit Walmdach und Pilastergliederung mit verkröpftem Gesims. Ein großer Rundbogeneingang in der Mitte der Fassade öffnet den Blick auf eine schöne, barocke Kreuzigungsgruppe.